PRESSEINFORMATION

Weltgesundheitstag: Sicherheit auf dem Fussgängerstreifen

Mit der Aktion „Gelbes Zebra“, lancieren der TCS und „Fussverkehr Schweiz“ am Welt-gesundheitstag, 7. April 2004 eine neue Kampagne, die zu einer Senkung der Unfälle an Fussgängerstreifen beitragen soll. Von Fahrzeuglenkern und Fussgängern wird eine erhöhte Aufmerksamkeit gefordert sowie die Beachtung von wichtigen Verhaltensregeln zur Erhöhung der Sicherheit.


Ausgangslage
Fussgängerunfälle innerorts sind nach wie vor ein Schwerpunkt im Unfallgeschehen, zumal bei Unfällen mit Fussgängern der Anteil der Toten und Schwerverletzten besonders hoch ist. Mit anderen Worten: Bei Unfällen, bei denen Fussgänger betroffen sind, gibt es viel häufiger Schwerverletzte und Tote als bei Unfällen zwischen Autos. Ein Beispiel: In den Jahren 2001 bis 2003 sind in der Stadt Zürich 23 Fussgänger getötet worden, währenddessen im gleichen Zeitraum in Zürich kein einziger Autolenker tödlich verletzt wurde. Diese Entwicklung könnte zum Teil auf die Verbesserung der Fahrzeugsicherheit zurück-zuführen sein *1).

*1) Im Falle der Geländefahrzeuge, die in einer Stadt keinen Zusatznutzen haben, ist die Verbesserung der Sicherheit nur scheinbar und geht zudem auf Kosten der Fussgänger, die bei gleicher Kollision aufgrund der Bauweise dieser Autos schwerer verletzt werden als von anderen Autos.

Ein Auslöser für die Kampagne war der Wunsch nach Information. So ersuchte im Oktober 2002 die Mutter eines 4 - jährigen Kindes Fussverkehr Schweiz, die Automobilisten zu informieren, dass Kindergarten-Kinder am Strassenrand warten müssen, bis alle Autos in ihrem Blickfeld ganz still stehen, und erst dann die Strasse überqueren. Konkret bat die Mutter um die Lancierung einer Aufklärungskampagne.


Unbefriedigende Unfallentwicklung
Aus den Verunfalltenzahlen der Schweiz ab 1993 bis 2002 geht hervor, dass die Unsicherheit über den Vortritt an den Fussgängerstreifen nach der Aufhebung des Handzeichen-Obligatoriums 1994 nach wie vor sehr gross ist: Was die leichtverletzten Fussgänger betrifft, zeigte in dieser Zeitspanne eine Tendenz nach oben. Bei den Getöteten und den Schwerverletzten war die Entwicklung unstabil. Ebenfalls wurde eine Zunahme der leicht verunfallten Fahrzeuginsassen festgestellt. Die Hauptursachen dafür sind:

- Autofahrer verweigern Fussgängern infolge Unaufmerksamkeit oder willentlich den Vortritt,
- Fussgänger vermögen infolge mangelnder Erfahrung die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs bzw. die Distanz nicht abzuschätzen oder sie verhalten sich riskant, nicht situationsgerecht,
- Bestimmte Fussgängerstreifen sind bezüglich Standort, Beleuchtung oder Markierung nicht korrekt ausgebaut.

Dazu kommt eine Erhöhung der Auffahrunfälle zwischen Fahrzeugen infolge unerwarteten Anhaltens oder brüsker Bremsung, um einem Fussgänger den Vortritt zu gewähren.

 

Die gesetzliche Regelung
Am 1. Juni 1994 ist das Obligatorium für Fussgänger, ein Handzeichen vor dem Queren eines Fussgängerstreifens zu geben, aus der Verkehrsregelnverordnung (VRV) gestrichen worden. Art. 33 des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) und Art. 6.1 der VRV weisen die Fahrer an, vor Fussgängerstreifen besonders vorsichtig zu fahren und den Fussgängern, welche warten oder im Begriffe sind, den Fussgängerstreifen zu betreten oder ihn schon betreten haben, den Vortritt zu gewähren. Art. 47 der VRV informiert den Fussgänger, dass er den Vortritt hat, allerdings nur dann, wenn das Fahrzeug rechtzeitig anhalten kann und dass er behutsam auf die Fahrbahn treten muss.


Von der Idee zur Umsetzung
Gespräche zwischen TCS und Fussverkehr Schweiz haben gezeigt, dass die Sicherheitsphilosophie der beiden Organisationen bezüglich des Verhaltens am Fussgängerstreifen nicht nur im Grundsatz, sondern auch bei den verschiedenen Detailfragen eine hohe Kongruenz aufweist. Dem entsprechend gestaltete sich die Zusammenarbeit in der Kampagnenvorbereitung äusserst konstruktiv und angenehm, obwohl die beiden Verbände sehr unterschiedliche verkehrspolitische Ausrichtungen verfolgen.
Die Grundidee der Kampagne besteht darin, sowohl Fussgänger als auch als Automobilisten anzusprechen. Beispielsweise wird in Parkhäusern und auf Parkplätzen mit Plakaten geworben, welche die Automobilisten als Fussgänger als auch als Fahrer ansprechen sollen. Mit dem Slogan des Aktionsklebers „Ich bin auch ein Fussgänger“ wird ebenfalls das Bewusstsein gestärkt, dass die meisten Verkehrsteilnehmer wechselnde Rollen einnehmen: Wer Auto fährt, geht in der Regel auch zu Fuss.
Für die Kampagne wurden je fünf Verhaltensempfehlungen für Fussgänger und Fahrzeuglenkende entwickelt. Dies geschah in einem breit abgestützten Prozess, der nicht nur TCS und Fussverkehr Schweiz, sondern auch die bfu, Verkehrspolizisten, das Institut für angewandte Psychologie, Polizeibeamte und Fahrlehrer einbezog. Diese breite Abstützung ist wichtig, damit das korrekte Verhalten von allen gleichlautend kommuniziert wird, und das Queren und Querenlassen am Fussgängerstreifen als selbstverständlicher und sicherer Verkehrsablauf etabliert wird.


Die Kampagne
Die Kampagne startet am 7. April 2004, am Weltgesundheitstag der World Health Organisation (WHO). Diese hat im Jahr 2004 die Verkehrssicherheit zum Thema. Die „Aktion Gelbes Zebra“ hat den Status eines offiziellen Projekts der Schweiz zum Weltgesundheitstag und für die Verkehrssicherheitswoche der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE).

Die Aktion teilt sich in drei Phasen auf:
- Bei den Vorbereitungsarbeiten wurde der Schwerpunkt auf eine optimale Ausarbeitung der Empfehlungen, auf die Produktion des Materials, die Internet-Adresse, usw. gelegt.
- Ab dem 7. April 2004 werden in der ganzen Schweiz Prospekte aufgelegt und verteilt ausserdem werden ab diesem Datum Plakate ausgehängt.
- Anschliessend wird das Material weiterhin für die Verkehrserziehung, Fahrschulen und weitere Interessenten zu Verfügung stehen. Die Palette wird nach Bedarf erweitert.


Finanzierung
Die Aktion „Gelbes Zebra“ wird massgeblich vom Fonds für Verkehrsicherheit unterstützt. Für die restliche Finanzierung wurden Sponsoren gesucht. Sowohl die Schuhfirma Bata, der Reifenhersteller Continental als auch das Bundesamt für Gesundheit unterstützen die Aktion finanziell. In jeder Bata-Filiale in den Verkaufsstellen von Continental-Reifen wie übrigens auch an allen BP-Tankstellen mit shop wird ab dem 7. April 2004 das Faltblatt „Gelbes Zebra“ (solange Vorrat) verteilt. Die Kosten der ganzen Aktion belaufen sich auf etwas mehr als Fr. 250'000.- dazu kommen nicht verrechnete Aufwände der Trägerorganisationen. Sicherheitsdelegierte der bfu und Freiwillige der TCS-Sektionen leisten Gratisarbeit für die Aktion.

 

Das Problem mit dem Handzeichen
Die Aufhebung des Handzeichen-Obligatoriums im Jahre 1994 ist von einigen als Verbot, Handzeichen zu geben, miss-interpretiert worden. Hier will die Kampagne eine Klärung bringen: Handzeichen sind nicht obligatorisch, aber wer damit eine Situation klären möchte, kann dies tun. Nur Kindern wird davon ausdrücklich abge-raten, denn allzu oft haben Kinder geglaubt, man könne ein Auto mit einem Handzeichen anhalten. Mit einem Handzeichen sollte aber niemand ein Auto zum brüsken Bremsen veranlassen. Der Fussgänger-Vortritt gilt deshalb richtigerweise nicht auf Grund eines Handzeichens, sondern aufgrund des Abstandes eines herannahenden Fahrzeuges, der zum Bremsen und Anhalten ausreichend sein muss. Diese Lösung ist die einzige, die von allen richtig verstanden werden kann, sie verlangt aber einen Augenblick Aufmerksamkeit vom Fussgänger.

Eine Rückkehr zum alten Handzeichen-Obligatorium kommt weder für den TCS noch für Fussverkehr Schweiz in Frage, nicht nur weil dies geltendes internationales Recht verletzen würde, sondern sie stünde auch im Wiederspruch zu dem, was die Kinder heute in der Schule lernen. Bei Kindern und alten Menschen kann das Handzeichen ein falsches Sicherheitsgefühl schaffen. Aus diesen Gründen wurden neue tragfähige Lösungen gesucht. Die Kampagne "Gelbes Zebra" ist ein Beispiel dafür, denn sie befürwortet den Grundsatz einer "wechselseitigen" Aufmerksamkeit. Diese besteht darin, dass alle am Verkehr Teilnehmenden das Unfallrisiko verringern, indem sie den von einer anderen Person begangenen Fehler durch ihr Verhalten kompensieren. Verhaltensempfehlungen gehen somit weiter als Gesetze und Verordnungen: Sie müssen so formuliert werden, dass auch dann kein Unfall geschieht, wenn jemand unvorsichtig ist oder eine Vorschrift missachtet. Das gilt sowohl für Fussgänger/innen, die damit rechnen müssen, dass Autolenkende das Vortrittsrecht auf dem Fussgängerstreifen missachten, es gilt aber auch für die Autolenkenden, die damit rechnen müssen, dass jemand unvermittelt die Fahrbahn betritt. Die Vorsicht des Schwächeren und die Rücksicht der Stärkeren müssen sich gegenseitig ergänzen:

 

Die Empfehlungen der „Aktion Gelbes Zebra“
Erste Verhaltens-Empfehlungen an Fussgänger:

- Den Fussgängerstreifen nie überraschend betreten; wenn nötig Sicherheitshalt einschalten
- Absicht mit klarer Körperhaltung signalisieren

Zudem müssen Fussgänger/innen auch auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden, welche ein Fehlverhalten von Fahrzeuglenkenden verursachen kann, denn es ist für Fussgänger schlicht zu gefährlich, auf ihrem Vortrittsrecht in jedem Fall zu beharren. Fussgänger müssen sich deshalb mit der Komplexität der Verkehrssituation befassen, in die sie sich begeben:

- Den Fussgängerstreifen nur betreten, wenn dies gefahrlos möglich ist
- Fahrzeuge auf allen Fahrstreifen beachten, auch von rechts kommende
- Mit Fehlern rechnen, im Zweifelsfalle warten

Mit der letzten Empfehlung wollen wir keineswegs dazu aufrufen, generell auf den Fussgänger-Vortritt zu verzichten, aber zusammen mit den fünf Empfehlungen an die Fahrzeug-Lenkenden wird dies durchaus deutlich:

- Auf Fussgänger achten – bremsbereit sein
- Fussgängern von rechts wie von links den Vortritt gewähren
- Bei Kindern, Behinderten und alten Menschen: Immer vollständig anhalten
- Langsame, abbremsende oder anhaltende Fahrzeuge nie überholen
- Mit Fehlern rechnen; Im Zweifelsfalle bremsen.

Eine Empfehlung sei besonders hervorgehoben, zeigt sie doch, wie wichtig es ist, das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer zu kennen:

Kinder können noch keine Geschwindigkeiten und Distanzen abschätzen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Sie werden deshalb von der Verkehrspolizei instruiert, am Fussgängerstreifen zu warten, bis alle herannahenden Autos ganz angehalten haben. Weil eine starke Verlangsamung als Anhalten fehlinterpretiert werden könnte, heisst die Regel sogar „warten bis die Räder stillstehen“. Sie sollen auch keine Handzeichen geben, denn Kinder, die noch im magischen Denken verhaftet sind, könnten daraus den gefährlichen Schluss ziehen, dass sie mit einem Handzeichen ein Auto stoppen können. Die Autolenkenden müssen unbedingt wissen, dass die Kinder erst queren dürfen, wenn die Autos aus beiden Richtungen, also auch auf der anderen Fahrbahn anhalten. Aus der Sicht eines uninformierten Autofahrers, der abbremst und ein Kind so queren lassen möchte, kann der Eindruck entstehen, dass ein Kind, das „stur“ weiter wartet, gar nicht wirklich queren will. Wenn der Autofahrer dann kurz vor dem Streifen wieder beschleunigt, kann eine sehr gefährliche Situation entstehen.

Zudem unterschätzt der Fahrer oft die Zeit, die zum Überqueren eines Fussgängerstreifens benötigt wird. Dies gilt insbesondere bei älterer Menschen und behinderten Personen. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass sich ein grosser Teil der Unfälle auf dem letzten Drittel des Fussgängerstreifens ereignet.

 

Eine Ergänzung zu dieser Aktion.
Mit dem Ziel, die Lage ohne Änderung der gültigen Gesetzgebung zu verbessern, besteht das im Jahre 2003 in Lausanne gestartete TCS-Pilotprojekt für eine erhöhte Sicherheit der Fussgängerstreifen darin, die Aufmerksamkeit der Fahrer und Fussgänger im Sinn einer individuellen Mitverantwortung zu erhöhen.

So zielt die Einführung einer Markierung weisser Dreiecke, die den Wartelinien entsprechen, darauf ab, die Vorsicht des Fahrers beim Näherkommen zu erhöhen, und ihn zu motivieren, gegebenenfalls den Fussgängern den Vortritt zu gewähren und ihm anzugeben, wo er anhalten sollte. Diese Markierung, die allgemein bekannt ist und mit dem Abkommen von Wien übereinstimmt, unterstützt die geltenden Bestimmungen des Strassenverkehrsgesetzes.

Zudem prüft das Pilotprojekt die Einrichtung einer Übergangszone durch eine grobkörnige Markierung auf dem Trottoir vor dem Fussgängerstreifen. Damit soll der Fussgänger (oder Benutzer eines fahrzeug-ähnlichen Geräts, wie Inline-Skates, Rollschuhe, Kickbords, Mini-Trottinette, Kinderräder und Rollbretter) die Änderung seiner städtischen Umwelt besser bemerken, bevor er die Fahrbahn betritt. Er soll sich in dieser Übergangszone verstärkt auf nahende Fahrzeuge konzentrieren, prüfen ob er von diesen auch wirklich erkannt wird und soweit nötig einen Sicherheitshalt einschalten. Diese Lösung bietet den Vorteil, dass der Fussgänger in der Übergangszone den herannahenden Fahrern gut sichtbar seine Absicht signalisiert, dass er die Fahrbahn überqueren will.

Anzufügen ist, dass eine solche Markierung im Einklang mit den von den Verkehrsinstruktoren der Polizei in den Schulen unterrichteten Weisung: "Aahalte – luege – lose – laufe" ist.

Auf Initiative des TCS und mit der Unterstützung des städtischen Verkehrsamts ist dieses Versuchs-projekt für eine erhöhte Sicherheit der Fussgängerstreifen im November 2003 in der Stadt Lausanne eingeführt worden. Es wird mit der Zustimmung des Bundesamts für die Strassen (ASTRA) auf 3 Fuss-gängerübergängen verwirklicht. Der Versuch wird sich nicht auf die Stadt Lausanne beschränken, denn andere Städte und Kantone interessieren sich ebenfalls dafür. Eine ausführliche Studie wird mit Hilfe zeitlich gestaffelter Videobeobachtungen, Geschwindigkeitsmessungen und Umfragen während der 12 vorgesehenen Versuchsmonate durchgeführt. Diese verschiedenen Messungen werden es erlauben, das Verhalten der Benutzer, die Verständlichkeit der Markierungen und den Sicherheitsgewinn abzu-schätzen. Das Projekt wird durch zwei Begleitgruppen mitverfolgt, welche sich aus Vertretern der bfu, der ETHL, der Behörden und von Fussverkehr Schweiz zusammensetzt. Die ersten Ergebnisse werden im Laufe des Monats Juli 2004 erwartet.


Fazit
Die Partnerschaft zwischen einem Mobilitätsklub und einer Vereinigung, welche die spezifische Optik der Fussgänger einbringt, erlaubt es, Synergien zu schaffen, Vertrauen in unfallverhütende Verhaltens-empfehlungen einzubringen und mit neuen Ideen die Verkehrssicherheit zu verbessern. Der Verlauf der Aktion "Gelbes Zebra" ist ein erfolgreiches Beispiel dafür.


Auskunftspersonen an der Pressekonferenz:
Fussverkehr Schweiz:
Christian Thomas, Dr. sc. techn.
043 488 40 34
Klosbachstr. 48
8032 Zürich

Verkehrssicherheit TCS
Jean-Marc Thévenaz, Leiter Verkehrssicherheit TCS
Daniel Mühlemann, dipl. Ing. ETH
Tel. 022 417 23 80, 022 417 23 96
Case postale, 1214 Vernier